← Alle Beiträge

UNTERNEHMERREISE

Kodawari. Wenn gut nicht gut genug ist.

Warum ein eigener Qualitätsanspruch wichtiger sein kann als jedes Incentive – und was Kodawari mit der Haltung „Great or Nothing“ verbindet.

UNTERNEHMERREISE #2: Kodawari. Wenn gut nicht gut genug ist.
Visual: KI-generiert

UNTERNEHMERREISE #2

Es gibt Gedanken, die liest man. Und es gibt Gedanken, die lassen einen danach nicht mehr in Ruhe.

Diesen Sommer habe ich zum zweiten Mal Ikigai – Die japanische Lebenskunst von Ken Mogi gelesen. Und wieder bin ich an derselben Stelle hängen geblieben: bei Kodawari.

Kodawari beschreibt einen eigenen Qualitätsanspruch. Die Haltung, etwas nicht einfach nur ordentlich zu machen, sondern morgen noch ein kleines Stück besser als heute.

Ken Mogi erzählt dazu die Geschichte von Jiro Ono, dem legendären Sushi-Meister. Ein Mann, der sein Leben lang versucht hat, etwas, das er längst außergewöhnlich gut konnte, weiter zu perfektionieren.

Dieser Gedanke fasziniert mich.

Einen eigenen Anspruch zu haben, der höher ist als das, was andere von einem verlangen.

Der Chef wäre längst zufrieden. Der Kunde würde den Unterschied vielleicht nicht einmal bemerken. Und „good enough“ wäre vollkommen ausreichend.

Für einen selbst aber eben nicht.

Nicht, weil äußere Anreize es verlangen. Sondern aus Stolz auf die eigene Arbeit.

Wenn ich etwas mache, möchte ich es verdammt gut machen. Punkt. Auf Weltklasse-Niveau.

Kodawari hat nichts mit Sushi zu tun. Und auch nicht nur mit Japan.

Man kann diese Haltung am Empfang eines Unternehmens leben, in der Buchhaltung, in der Werkstatt, im Vertrieb, in der Pflege oder als Vorstand eines Unternehmens.

Für mich ist das kein Aufruf dazu, Menschen bis zum Burnout zu treiben oder bei allem einen unerreichbaren Perfektionismus zu verlangen. Es geht um etwas anderes: um eine freiwillige, innere Haltung. Um den Wunsch, das, was man gerade tut, nicht gedankenlos abzuarbeiten, sondern es mit Können, Stolz und Aufmerksamkeit wirklich gut zu machen.

Mein eigener Anspruch ist deshalb an jedem einzelnen Tag derselbe: Wenn ich meine Arbeit erbringe, möchte ich eine Weltklasse-Leistung bringen. Das heißt nicht, dass alles fehlerfrei sein muss. Es heißt: Ich nehme die Aufgabe ernst. Ich gebe mich nicht mit einer halbherzigen Lösung zufrieden, nur weil niemand sofort protestiert. Ich will, dass man am Ergebnis merkt, dass es mir wichtig war.

Mich lässt deshalb eine Frage nicht los: Woher kommt diese Haltung eigentlich? Ist sie kulturell geprägt, eine Frage der Erziehung, der Persönlichkeit, von Vorbildern oder guter Führung? Kann ein Unternehmen Kodawari fördern? Oder schaffen es Unternehmen manchmal sogar, Menschen diesen Stolz auf die eigene Arbeit abzuerziehen?

Stellen wir uns einmal vor, die Mehrheit der Menschen würde morgens nicht zuerst an die To-do-Liste denken, sondern mit dem persönlichen Anspruch starten, die eigene Arbeit dieses Tages auf Weltklasse-Niveau abzuliefern.

Stellen wir uns einmal vor: Die Mehrheit der Menschen würde morgens nicht zuerst fragen: „Was muss ich heute alles schaffen?“ Sondern mit diesem persönlichen Anspruch beginnen: „Was ich heute tue, will ich auf Weltklasse-Niveau tun – nicht, weil jemand es von mir verlangt, sondern weil ich es mir selbst schuldig bin.“

Was würde das für unsere Unternehmen, unseren Service, Umsätze und Margen bedeuten – aber auch für Freude, Stolz und die Begegnungen im Alltag? Ich vermute: ziemlich viel. Denn diese Haltung verändert nicht nur große Strategien. Sie zeigt sich in den kleinen Dingen: am Empfang, in einer Rechnung, die sofort verständlich ist, in einer sauberen Übergabe, in einem Verkaufsgespräch, in einer Reparatur, in der Pflege oder in einer Entscheidung des Vorstands.

Ich bin kein Fantast. Wir werden nicht die ganze Gesellschaft auf einmal verändern. Aber jeder von uns kann im eigenen Einflussbereich anfangen und die eigene Arbeit mit diesem Anspruch angehen. Genau deshalb lohnt es sich, darüber zu sprechen.

Vielleicht brauchen wir manchmal weniger neue Prozesse, KPIs und Incentives – und wieder mehr Stolz auf die eigene Arbeit. Nicht als Druck von außen. Sondern als eigenes Versprechen an sich selbst: Wenn ich es mache, dann mache ich es verdammt gut.